header
Stile

Kalarippayat gliedert sich in 3 Stile:

  • Nördlicher Stil - Vadakkan Sampradayam
  • Südlicher Stil - Thekkan Sampradayam
  • Zentraler Stil - Madhya Sampradayam

Kalarippayat beinhaltet den waffenlosen Kampf und darauf aufbauend die Anwendung von verschiedenen Waffentechniken.

Die drei Stile haben einen gemeinsamen Ursprung, gesellschaftliche, geographische und politische Unterschiede verursachten jedoch wesentliche Abweichungen der Kalari Arten voneinander. Im Laufe der Zeit bekam jeder Stil seine ganz besondere Eigenart.

 

Nördlicher Stil - Vadakkan Sampradayam
Die Geschichte:

Die Raja von Malabar, dem heutigen Kerala, bildeten ihre Krieger nach den Kalariprinzipien aus. Diese Krieger waren berühmt und gefürchtet wegen ihrer Effektivität: sie schienen unermüdlich. Sie waren nie da, wo sie eben noch standen und griffen unnachgiebig aus verschiedenen Winkeln immer wieder an.
In Friedenszeiten stellten sich viele Krieger zur Verfügung, um private Streitigkeiten zu regulieren. Es war üblich, einen Streit durch ein Duell zu beenden, um so langwierige, kostspielige und kräftezehrende Auseinandersetzungen zu vermeiden. Dazu wurden Kalarikämpfer angeheuert. Diese trugen dann einen Kampf aus mit Waffen, die vorher vereinbart wurden.

Es war zwingend für beide Kämpfer, sich an festgelegte Schlagfolgen zu halten. Der schnellere und ausdauerndere Kämpfer siegte. Der andere starb oft an den Folgen seiner Verletzungen. Hielt ein Kämpfer die Schlagfolgen nicht ein, galt dies als Betrug. Der Übeltäter wurde entehrt und meistens auf der Stelle hingerichtet. Gab einer der Kontrahenten wegen Überlegenheit des Gegners auf, kam er zwar mit dem Leben davon. Die Partei, für die er kämpfte, hatte jedoch verloren und damit der Kalarikämpfer auch seinen guten Ruf.

Deshalb zogen es die Krieger meistens vor, die heilige Bestimmung ihres Standes zu erfüllen und entweder zu siegen oder im Kampf zu sterben. Die traditionellen Waffen wie z. B. Langstock, Kurzstock, Schwert, Speer, Otta und andere werden auch heute noch in Partnerformen geübt. Um sich ihrer Ängste zu entledigen und sich auf den bevorstehenden Kampf zu konzentrieren, vollführten die Kämpfer vor dem Duell bestimmte Bewegungsmeditationen. Diese Formen, die Vandanam, dienen, ähnlich dem Mokuso im Karate, der Sammlung und sie leiten auch heute noch jedes Kalaritraining ein.


Zentraler Stil - Madhya Sampradayam
Der Zentrale Stil wird auch als der "Intellektuelle" der 3 Stile des Kalarippaya bezeichnet.

Er wird heute hauptsächlich von Sufi Meistern Keralas betrieben. Sie verwenden neben den üblichen Marma-Techniken ein spezielles Marma-Alphabet aus der arabischen Schrift. Madhya Sampradayam setzt sich zusammen aus Fußarbeit und Handtechniken, die im Gegensatz zu den anderen beiden Stilen nicht in Formen arrangiert werden. Die Fußarbeit besteht aus Schrittfolgen in geometrischen Figuren wie z.B. Quadraten, Dreiecken, Kreisen und Halbmonden. Schnelle Schritte, Richtungswechsel und Drehungen um die eigene Achse sind charakteristisch für das Laufen dieser "Fußpattern".

Die Handtechniken und Armschwünge werden zunächst separat geübt und erst später in die Fußpattern integriert. Diese Integration nimmt der Abyassi (Trainierende) nach seinem Bewegungsempfinden selbst vor. Er beginnt die verschiedenen Stellungen des Kalari mit einzubeziehen.

So entwickelt jeder Abyassi seine eigene Variante des Zentralen Stils.

Allen gemein ist die Berücksichtigung der Bewegungsprinzipien des menschlichen Körpers. Nur das gewährleistet die Effektivität im Kampf. Wenn Bein- und Armarbeit richtig aufeinander abgestimmt sind, dann ermöglicht es dem Kämpfer eine extreme Kraftübertragung bei der Verteidigung oder dem Angriff auf den Gegner. Um dabei selbst keinen Schaden zu erleiden, bedienen sich die Abyassi des "Armconditionings".

Hierbei bekommen die Abyassi Schläge auf die Unterarme , um eine blitzschnelle Schutzspannung des Arms zu provozieren. Diese Spannung erreicht beim Auftreffen, für den Bruchteil einer Sekunde, Schlagstockhärte im Unterarmbereich. Während der Schlagbewegung ist der Arm locker um eine höchstmögliche Schlaggeschwindigkeit zu gewährleisten.

Begleitet wird das Armconditioning durch Massagen mit speziellen ayurvedischen Ölen. So wird Gesundheitsschäden vorgebeugt. Das Training ist sehr anstrengend und beruht lange Zeit auf der Wiederholung von Bewegungen, die zunächst nichts mit dem Kampf zu tun zu haben scheinen. Erst in der Perfektion der Bewegungsprinzipien eröffnet sich die kämpferische Vielfalt dieses Stils. Unter Berücksichtigung der Distanzveränderung und der Waffenart (Klingenwaffen) wandten die Krieger des Zentralen Stils ihr Können im bewaffneten Kampf an. Sie waren Experten im Kampf gegen zahlenmäßig überlegene Feinde. Wie Wirbelstürme rauschten sie durch die gegnerischen Reihen. Ständig die Richtung ändernd, arbeiteten sie sich vor und ließen so viele Gegner wie möglich verletzt und kampfunfähig hinter sich. Ihr Ziel war nicht vorrangig den Gegenüber zu töten, sondern ihn vielmehr zu überwinden.


Südlicher Stil - Tekkan Sampradayam
Die Geschichte:

Die Straßen im Süden Malabars (heutiges Kerala in Südindien) waren sehr unsicher. Räuberbanden und Diebe trieben ihr Unwesen und überfielen Reisende auf ihren Wegen sowie Bürger in den Städten. Diese Angriffe kamen meist völlig unvorbereitet, so dass die Opfer oft unbewaffnet waren. Selten hatten sie einen Stock oder ein Messer zur Hand. Die Angreifer jedoch waren gut präpariert und getarnt um ihre Absichten durchzusetzen. Dazu eigneten sich vor allem Messer und Knüppel, die leicht versteckt am Körper getragen werden konnten.

Viel Platz blieb den Opfern zur Verteidigung nicht. Weder im Gedränge der Menschenmenge, noch auf den schmalen Wegen durch unwegsames Gelände.

Es galt, sofort aus dem Gehen oder Stehen heraus zu reagieren. Die Verteidigung musste auf jede Art Waffe anwendbar sein, der man sich plötzlich gegenüber sah. Die Gegner waren oft in der Überzahl, so dass es galt sich in verschiedene Richtungen zu verteidigen. Diese Bedingungen sorgten für eine Differenzierung des südlichen Stils um den Anforderungen des Straßenkampfes und der Gang- Fights zu genügen. Der Kampf mit Messern und Knüppeln bekam neben dem waffenlosen Kampf einen hohen Stellenwert im Training der Abyassi (der Trainierenden).


Auch die Heilkunst entwickelte sich in den verschiedenen Stilen unterschiedlich.

Zum einen war das Bewegungsempfinden stilspezifisch unterschiedlich. Daher gaben die Kalarimeister der verschiedenen Stile ihrer Fähigkeit zu Heilen unterschiedlichen Ausdruck.

Zum anderen orientierten sich die Meister der nördlichen Kalaris an dem von Sushruta beschriebenen Marma System, das auch den anderen Ayurveda Klassikern zu Grunde liegt, während die südlichen Kalaris sich am weniger bekannten Agastia System orientierten. Im Agastia System werden um die 360 Punkte am menschlichen Körper als Marmas bezeichnet.


Der Nutzen heute:

  • Neben der Fähigkeit sich selbst verteidigen zu können, erlangt man durch das Kalaritraining ein außerordentliches Maß an Ausdauer, Kraft, Flexibilität und Explosivität.
  • Vor allem durch das Partnertraining werden neben Reaktion und Distanzgefühl auch charakterliche Attribute wie Verantwortungsgefühl, Respekt und Selbstrespekt vermittelt.

Es geht um die Perfektionierung der eigenen Fähigkeiten und Persönlichkeit und nicht darum jemandem Schaden zuzufügen. Diese Perfektionierung kommt dem Trainierende in allen Bereiche des Lebens zugute. Sei es Schule, Beruf, Freizeit oder Familie.

Steffen Geißler ist Meisterschüler und zertifizierter Lehrer des Großmeisters C.M. Sherif Gurukkul von der Kerala Kalarippayat Academy in Kannur, Kerala in Südindien. Er unterrichtet alle drei Stile des Kalarippayat. Das Training kann über den SV Ettenbüttel, in Form von Seminaren (auch in Wien) oder in Form von Einzelunterricht stattfinden.

Siehe auch: www.kalarippayatacademy.com